20. Dezember 2011

Die Gertrudenlinde zu Oldenburg

Um die Linde auf dem Gertrudenkirchhof rankt sich eine der berühmtesten Sagen Oldenburgs.  


Wie viele andere Sagen, existiert sie in den verschiedensten Versionen. Ich werde sie daher zunächst in der mir bekanntesten Version nacherzählen, und anchließend eine Auflistung von den verschiedenen Varianten anhängen, von denen ich gehört oder gelesen habe. Ich hoffe, dass ich der Sage damit einigermaßen gerecht werden kann. :-)

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[Sage] Die Gertrudenlinde zu Oldenburg
 

Vor vielen hundert Jahren hatte der nichtsnutzige Sohn eines reichen Oldenburger Kaufmanns ein Auge auf das junge Dienstmädchen seiner Eltern geworfen. Er wurde aufdringlich und stellte ihr nach. Als sie ihn abwies, wurde er sehr wütend und beschloss es ihr heim zu zahlen. Er verfolgte sie mit blindem Hass und eines Tages stahl er seiner Mutter ein wertvolles silbernes Schmuckstück und versteckte es im Zimmer des Mädchens.
Dann machte er die Eltern auf den Diebstahl aufmerksam, und bei der folgenden Durchsuchung des Hauses wurde das Schmuckstück natürlich in den Sachen des jungen Mädchens gefunden. Sie beteuerte natürlich ihre Unschuld, aber es nützte nichts. Sie wurde verurteilt und wegen Diebstahls zum Tode verurteilt. Als man sie zur Hinrichtung vor die Stadt führte, hob sie einen herausgerissenen Trieb einer Linde vom Boden auf und sagte: „Pflanzt dieses Bäumchen verkehrt herum auf mein Grab, und so gewiss wie es wachsen wird und seine Wurzeln Blätter tragen werden, so wahr bin ich unschuldig.“ Die Bürger der Stadt waren davon beeindruckt und pflanzten den Trieb, mit den Ästen in die Erde und die Wurzeln zum Himmel zeigend, auf ihr Grab. Und tatsächlich wuchs der Baum und an den Wurzeln begannen Blätter zu sprießen. Da erkannten die Oldenburger, dass das Mädchen tatsächlich unschuldig gewesen war. Der junge Mann aber, der ihren Tod verschuldet hatte, dem ließ sein Gewissen keine Ruhe mehr. Er trug sich lange mit seiner Schuld und auf dem Totenbett schließlich gestand er seine Tat und bat darum, auf seinen Grabstein die Worte „O ewich is so lanck“ zu meißeln. Diese Worte stehen heute noch als Mahnung am Eingang des Kirchhofes.

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Variationen der Sage:

Manchmal stahl der Sohn seiner Mutter einige kostbare Silberlöffel statt einem Schmuckstück, manchmal versteckte er das Diebesgut in einer Truhe, und manchmal in einem Schrank. Manchmal machte er die Eltern auf den Diebstahl aufmerksam, und manchmal bemerkten die Eltern den Diebstahl von selbst.
Das Endergbnis aber ist immer dasselbe:

Die Richter glauben dem reichen Kaufmannssohn mehr als dem armen Dienstmädchen, und verurteilen sie zum Tode.
Manchmal durch den Strang, manchmal durch das Schafott.

Immer wird sie durch das Heiligengeisttor hinaus vor die Stadt geführt.
Manchmal hebt sie unterwegs einen herabgefallenen Lindenzweig auf, manchmal einen herausgerissenen Trieb. Manchmal bricht sie selber ein kleines Ästchen von einer Linde ab.
Manchmal steckt sie den Zweig selbst in die Erde, manchmal tun es die Zeugen ihres Todes.

Doch immer beginnt der Lindenzweig sieben Tage nach ihrem Tod zu grünen und zu einem sieben Ellen hohen Baum mit breitem Blätterdach heranzuwachsen (Anm.: 1 alte (Oldenburger) Elle = 2 Fuß = 59,176 cm).

Und immer schweigt der Schuldige, auch wenn ihm sein Gewissen keine Ruhe lässt. Erst auf dem Sterbebett überkommt ihn die Reue so sehr, dass er seine Schuld am Tode des Mädchens zugibt.

Manchmal lässt er sich die Worte "O ewich is so lanck" auf den eigenen Grabstein meißeln. Und manchmal lässt er einen Stein an der Eingangspforte zum Gertrudenkrichhof setzen.


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Weiterführende Literatur:
Hermann Lübbing: "Die schönsten Sagen aus dem Oldenburger Land", Oldenburg: Isensee Verlag, 2010.

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