4. März 2013

Der Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern

als der Papst die freien Menschen verfluchte


Die Entwicklung des Stedinger Landes

Das Stedinger Land erstreckt sich zwischen der Ochtum, der Unterweser, der Hunte und den Geesthügeln zwischen Delmenhorst und Hude. Im Mittelalter gehörte auch das rechts der Weser gelegene Osterstaderland dazu.
1063 schenkte Kaiser Heinrich IV das ständig überschwemmte Land an den Erzbischof Adalbert von Bremen. Dieser gab es gegen 1100 als erblichen Besitz an siedlungswillige Holländer und Sachsen weiter.

Die neuen Siedler gingen emsig ans Werk um das Land zu kultivieren und bewohnbar zu machen. Sie hoben Gräben aus und bauten Deiche. Jeder Siedler bekam eine Parzelle zugeteilt. Diese Grundstücke waren alle gleich groß; manchmal zwar nur 100 Meter breit, dafür aber bis zu 8 Kilometer lang. Doch schon bald wurde klar, dass die Marsch zu früh eingedeicht worden war. Es konnte sich nicht mehr genug Schlick ablagern um das Land fruchtbar zu machen. Daher waren die gewonnenen Flächen nur als Weideland zu nutzen.
Trotzdem machte ihr Fleiß die Siedler selbstbewusst, wohlhabend und einflussreich. Die Einwohner der Reihendörfer hinter den Deichen hatten viele persönliche Freiheiten und besaßen sogar ein eigenes Deich- und Gerichtswesen.
1190 wurde der Name „Stedingen“ erstmals urkundlich erwähnt. Das Siegel das Landes zeigte schon damals den Schutzpatron St. Aegidius.


Das Vorspiel und der Aufruf zum Kreuzzug
Um 1200 begannen die Oldenburger und die Bremer sich für das blühende Stedinger Land zu interessieren. Sie begannen, Burgen zu bauen, in denen eingesetzte Vögte ihre Interessen durchsetzten. Doch die Bewohner der Burgen beleidigten die freien Stedinger Bauern immer wieder. Es kam zu Pöbeleien und zu gewaltsamen Übergriffen gegen Frauen. Die Stedinger fühlten sich dadurch angegriffen und gekränkt. Sie begannen, sich zu wehren.
Ab 1204 schlossen sie sich zu einer Eid- und Schwertgenossenschaft zusammen und zerstörten wiederholt die Burgen. Außerdem verweigerten sie von da an die Zahlung des Zehnten an den Erzbischof von Bremen.
Gerhard II von der Lippe, Erzbischof von Bremen, war ein fanatische Bauernhasser, der plante, sich die freien Bauern der Marsch mit Gewalt Untertan zu machen. Sein Bruder, Hermann von der Lippe, führte ein Heer an, das während der Weihnachtszeit Stedinger Dörfer überfiel und am 25. Dezember 1229 in der Schlacht bei Hasbergen geschlagen wurde. Hermann verlor bei den Kämpfen sein Leben. Als Rache für die Überfälle zerstörten die siegreichen Stedinger eine Burg des Erzbischofs im Tal der Delme und vertrieben die Zisterziensermönche aus Hude.
Erzbischof Gerhard zögerte nicht lange und erklärte aus einer Synode am 17. März 1230 die Stedinger Bauern zu Ketzern. Er sparte auch nicht mit Anklagen: die Bauern seien feinde der Kirche, die hätten Klöster und Kirchen niedergebrannt, Eide gebrochen, Hostien missbraucht und Geister beschworen. Er zitierte sogar das Buch Samuel, in dem „Ungehorsam gleich Götzendienst“ ist. Gerhard II. Forderte von Papst Gregor IX. Unterstützung bei der Bekehrung, Bekämpfung und Ausrottung der Stedinger.
Als Reaktion auf seine Anklage geschah zunächst... gar nichts.
Aber Gerhard gab nicht auf, und schließlich gelang es ihm, die Stadt Bremen mit weitreichenden Versprechungen auf seine Seite zu ziehen. Den Bürgern sollten Zölle und Abgaben erlassen werden. Den Kaufleuten wurde eine Befreiung von der Heeresfolge und ein Drittel der Beute angeboten. Schon kurz darauf riefen Papst Gregor IX und die norddeutschen Bischöfe und Dominikaner zum Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern auf und das Inquisitionsverfahren gegen die Stedinger begann.


Der Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern
Durch die Legitimation durch den Papst, erhielt jeder Teilnehmer am Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern denselben Ablass, wie für einen Kreuzzug ins Heilige Land. An Freiwilligen mangelte es demnach nicht. Die Kämpfe dauerten von 1232 bis 1234.
Tatsächlich gewannen die freiheitsliebenden Bauern zwei Schlachten gegen die Kreuzfahrerheere. Ihr Schlachtruf „Lieber tot als Sklave“ ging als friesischer Leitspruch in die Geschichte ein.
Die Kreuzfahrer konnten die Niederlagen gegen einen Haufen Bauern nicht verwinden. Sie begannen gegen die Stedinger zu hetzen und warben neue Verbündete für den weiteren Kampf an.
Die dritte und entscheidende Schlacht fand am 27. Mai 1234 an der Unterweser statt. Ein Heer zog von Bremen zur Mündung der Ochtum. Mit dabei waren Heere aus Brabant, Geldern, Flandern, Jüllich, Cleve, Berg, Lippe, Ravensberg, Holland, Westfalen, dem Niederrhein, Oldenburg und Bremen. Insgesamt zählte das Kreuzfahrerheer knapp 4.000 Mann. Ihnen gegenüber stand ein etwa gleichstarkes Bauernheer.
Heinrich von Brabant, Oberbefehlshaber der Kreuzfahrer, ließ eine Schiffsbrücke über die Ochtum bauen, und die beiden Heere trafen beim kleinen Ort Altenesch aufeinander. Es begann ein grausamer Kampf. Der Bremer Klerus stand auf dem Deich, sang fromme Lieder und betetete für den Sieg.
Die Stedinger Bauern, angeführt von Boleke von Bardenfleth, Detmar Tom Diek und Tammo von Huntrop, kämpften aufopferungsvoll gegen die wesentlich besser ausgerüsteten Kreuzfahrer. Selbst Frauen und Kinder beteiligten sich, nach alter friesischer Sitte, an dem Gemetzel.
Nach dem Kampf bedeckten Tausende Leichen die Wiesen. Sie alle wurden in einem riesigen Massengrab in uneingeweihter Erde begraben.
Fast alle Bauern verloren ihr Leben, die wenigen Überlebenden verloren ihre Freiheit oder flüchteten nach Norden zu den Rüstringer Friesen im heutigen Stadland. Das Stedinger Land wurde zwischen den Siegern aufgeteilt.


Das Nachspiel
Nach ihrem Sieg über die Stedinger, hausten die Kreuzfahrer fürchterlich in den Dörfern: Morde, Brandschatzung, Plünderungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Während man in Bremen den Sieg der Christen über die Ketzer feierte.
Erst ein halbes Jahr nach der Schlacht von Altenesch veranlasste der Papst die erneute Weihung der Kirchen und Friedhöfe von Stedingen. Der Bannfluch selbst wurde erst im Jahr 1235 aufgehoben.
Es kamen neue Siedler ins Land, und mancher Ritter übernahm einen der verwaisten Höfe.
Später wurde den Stedingern eine eingeschränkte Selbstverwaltung gestattet. Das Stedingersiegel mit der Figur des Heiligen Aegidius durfte weiterhin genutzt werden.
Nach der Reformation verblasste die Erinnerung an den Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern. Erst 1843 wurde, auf Anregung des Antenescher Pastors Gerhard Steinfeld, ein schwarzer Obelisk in Altenesch aufgestellt. Er erinnert an die unzähligen Toten der Entscheidungsschlacht.
1934, am 700. Jahrestag der Schlacht von Altenesch, feierten die Nationalsozialisten die Uraufführung des plattdeutschen Theaterstückes „De Stedinge“ von August Hinrichs in Bookholzberg. 20.000 Zuschauer sahen das Monumentalstück mit 300 Darstellern.


Weiterführende Literatur:
Jens Schmeyers: Die Stedinger Bauernkriege. Wahre Begebenheiten und geschichtliche Betrachtungen. Zur Erinnerung an die Schlacht bei Altenesch am 27. Mai 1234. Stedinger Verlag: Lemwerder 2004, ISBN 3-927697-38-9
Stichwort: Stedinger Aufstand um 1204-1234, in: Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte, 2 Bde., Berlin-Ost 1985, Bd. 2, S. 948.
Rolf Köhn: "Lieber tot als Sklav!" Der Stedingeraufstand in der deutschen Literatur (1836 - 1975), 2 Teile, in: Oldenburger Jahrbuch, Band 80, 1980, S. 1-57, sowie Bd. 81, 1981, S. 83-144.

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