Die Entwicklung des Stedinger Landes
Das Stedinger Land erstreckt sich
zwischen der Ochtum, der Unterweser, der Hunte und den Geesthügeln
zwischen Delmenhorst und Hude. Im Mittelalter gehörte auch das
rechts der Weser gelegene Osterstaderland dazu.
1063 schenkte Kaiser Heinrich IV das
ständig überschwemmte Land an den Erzbischof Adalbert von Bremen.
Dieser gab es gegen 1100 als erblichen Besitz an siedlungswillige
Holländer und Sachsen weiter.
Die neuen Siedler gingen emsig ans
Werk um das Land zu kultivieren und bewohnbar zu machen. Sie hoben
Gräben aus und bauten Deiche. Jeder Siedler bekam eine Parzelle
zugeteilt. Diese Grundstücke waren alle gleich groß; manchmal zwar
nur 100 Meter breit, dafür aber bis zu 8 Kilometer lang. Doch schon
bald wurde klar, dass die Marsch zu früh eingedeicht worden war. Es
konnte sich nicht mehr genug Schlick ablagern um das Land fruchtbar
zu machen. Daher waren die gewonnenen Flächen nur als Weideland zu
nutzen.
Trotzdem machte ihr Fleiß die
Siedler selbstbewusst, wohlhabend und einflussreich. Die Einwohner
der Reihendörfer hinter den Deichen hatten viele persönliche
Freiheiten und besaßen sogar ein eigenes Deich- und Gerichtswesen.
1190 wurde der Name „Stedingen“
erstmals urkundlich erwähnt. Das Siegel das Landes zeigte schon
damals den Schutzpatron St. Aegidius.
Das Vorspiel und der Aufruf zum
Kreuzzug
Um 1200 begannen die Oldenburger und
die Bremer sich für das blühende Stedinger Land zu interessieren.
Sie begannen, Burgen zu bauen, in denen eingesetzte Vögte ihre
Interessen durchsetzten. Doch die Bewohner der Burgen beleidigten die
freien Stedinger Bauern immer wieder. Es kam zu Pöbeleien und zu
gewaltsamen Übergriffen gegen Frauen. Die Stedinger fühlten sich
dadurch angegriffen und gekränkt. Sie begannen, sich zu wehren.
Ab 1204 schlossen sie sich zu einer
Eid- und Schwertgenossenschaft zusammen und zerstörten wiederholt
die Burgen. Außerdem verweigerten sie von da an die Zahlung des
Zehnten an den Erzbischof von Bremen.
Gerhard II von der Lippe, Erzbischof
von Bremen, war ein fanatische Bauernhasser, der plante, sich die
freien Bauern der Marsch mit Gewalt Untertan zu machen. Sein Bruder,
Hermann von der Lippe, führte ein Heer an, das während der
Weihnachtszeit Stedinger Dörfer überfiel und am 25. Dezember 1229
in der Schlacht bei Hasbergen geschlagen wurde. Hermann verlor bei
den Kämpfen sein Leben. Als Rache für die Überfälle zerstörten
die siegreichen Stedinger eine Burg des Erzbischofs im Tal der Delme
und vertrieben die Zisterziensermönche aus Hude.
Erzbischof Gerhard zögerte nicht
lange und erklärte aus einer Synode am 17. März 1230 die Stedinger
Bauern zu Ketzern. Er sparte auch nicht mit Anklagen: die Bauern
seien feinde der Kirche, die hätten Klöster und Kirchen
niedergebrannt, Eide gebrochen, Hostien missbraucht und Geister
beschworen. Er zitierte sogar das Buch Samuel, in dem „Ungehorsam
gleich Götzendienst“ ist. Gerhard II. Forderte von Papst Gregor
IX. Unterstützung bei der Bekehrung, Bekämpfung und Ausrottung der
Stedinger.
Als Reaktion auf seine Anklage
geschah zunächst... gar nichts.
Aber Gerhard gab nicht auf, und
schließlich gelang es ihm, die Stadt Bremen mit weitreichenden
Versprechungen auf seine Seite zu ziehen. Den Bürgern sollten Zölle
und Abgaben erlassen werden. Den Kaufleuten wurde eine Befreiung von
der Heeresfolge und ein Drittel der Beute angeboten. Schon kurz
darauf riefen Papst Gregor IX und die norddeutschen Bischöfe und
Dominikaner zum Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern auf und das
Inquisitionsverfahren gegen die Stedinger begann.
Der Kreuzzug gegen die Stedinger
Bauern
Durch die Legitimation durch den
Papst, erhielt jeder Teilnehmer am Kreuzzug gegen die Stedinger
Bauern denselben Ablass, wie für einen Kreuzzug ins Heilige Land. An
Freiwilligen mangelte es demnach nicht. Die Kämpfe dauerten von 1232
bis 1234.
Tatsächlich gewannen die
freiheitsliebenden Bauern zwei Schlachten gegen die Kreuzfahrerheere.
Ihr Schlachtruf „Lieber tot als Sklave“ ging als friesischer
Leitspruch in die Geschichte ein.
Die Kreuzfahrer konnten die
Niederlagen gegen einen Haufen Bauern nicht verwinden. Sie begannen
gegen die Stedinger zu hetzen und warben neue Verbündete für den
weiteren Kampf an.
Die dritte und entscheidende Schlacht
fand am 27. Mai 1234 an der Unterweser statt. Ein Heer zog von Bremen
zur Mündung der Ochtum. Mit dabei waren Heere aus Brabant, Geldern,
Flandern, Jüllich, Cleve, Berg, Lippe, Ravensberg, Holland,
Westfalen, dem Niederrhein, Oldenburg und Bremen. Insgesamt zählte
das Kreuzfahrerheer knapp 4.000 Mann. Ihnen gegenüber stand ein etwa
gleichstarkes Bauernheer.
Heinrich von Brabant,
Oberbefehlshaber der Kreuzfahrer, ließ eine Schiffsbrücke über die
Ochtum bauen, und die beiden Heere trafen beim kleinen Ort Altenesch
aufeinander. Es begann ein grausamer Kampf. Der Bremer Klerus stand
auf dem Deich, sang fromme Lieder und betetete für den Sieg.
Die Stedinger Bauern, angeführt von
Boleke von Bardenfleth, Detmar Tom Diek und Tammo von Huntrop,
kämpften aufopferungsvoll gegen die wesentlich besser ausgerüsteten
Kreuzfahrer. Selbst Frauen und Kinder beteiligten sich, nach alter
friesischer Sitte, an dem Gemetzel.
Nach dem Kampf bedeckten Tausende
Leichen die Wiesen. Sie alle wurden in einem riesigen Massengrab in
uneingeweihter Erde begraben.
Fast alle Bauern verloren ihr Leben,
die wenigen Überlebenden verloren ihre Freiheit oder flüchteten
nach Norden zu den Rüstringer Friesen im heutigen Stadland. Das
Stedinger Land wurde zwischen den Siegern aufgeteilt.
Das Nachspiel
Nach ihrem Sieg über die Stedinger,
hausten die Kreuzfahrer fürchterlich in den Dörfern: Morde,
Brandschatzung, Plünderungen und Vergewaltigungen waren an der
Tagesordnung. Während man in Bremen den Sieg der Christen über die
Ketzer feierte.
Erst ein halbes Jahr nach der
Schlacht von Altenesch veranlasste der Papst die erneute Weihung der
Kirchen und Friedhöfe von Stedingen. Der Bannfluch selbst wurde erst
im Jahr 1235 aufgehoben.
Es kamen neue Siedler ins Land, und
mancher Ritter übernahm einen der verwaisten Höfe.
Später wurde den Stedingern eine
eingeschränkte Selbstverwaltung gestattet. Das Stedingersiegel mit
der Figur des Heiligen Aegidius durfte weiterhin genutzt werden.
Nach der Reformation verblasste die
Erinnerung an den Kreuzzug gegen die Stedinger Bauern. Erst 1843
wurde, auf Anregung des Antenescher Pastors Gerhard Steinfeld, ein
schwarzer Obelisk in Altenesch aufgestellt. Er erinnert an die
unzähligen Toten der Entscheidungsschlacht.
1934, am 700. Jahrestag der Schlacht
von Altenesch, feierten die Nationalsozialisten die Uraufführung des
plattdeutschen Theaterstückes „De Stedinge“ von August Hinrichs
in Bookholzberg. 20.000 Zuschauer sahen das Monumentalstück mit 300
Darstellern.
Weiterführende Literatur:
Jens Schmeyers: Die Stedinger
Bauernkriege. Wahre Begebenheiten und geschichtliche Betrachtungen.
Zur Erinnerung an die Schlacht bei Altenesch am 27. Mai 1234.
Stedinger Verlag: Lemwerder 2004, ISBN 3-927697-38-9
Stichwort: Stedinger Aufstand um
1204-1234, in: Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte,
2 Bde., Berlin-Ost 1985, Bd. 2, S. 948.
Rolf Köhn: "Lieber tot als
Sklav!" Der Stedingeraufstand in der deutschen Literatur (1836 -
1975), 2 Teile, in: Oldenburger Jahrbuch, Band 80, 1980,
S. 1-57, sowie Bd. 81, 1981, S. 83-144.
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